Dass selbst die Sitzgelegenheiten am Freilichtspiel Mitte September an der stimmungsvollen Dammarena ungewöhnlich sein werden, das hat sich schon rumgesprochen. Bequeme Kinositze als Promiloge, Bregtäler Holzklasse und duftende, mollig warme Öko Heuballen Sitze. Oder auch selbsgebrachte Campingstühle. Das sind die mehrfach Kategorien. Was sich aber bei Öko ergab, das verblüfft dann doch:
Seit Jahren verbringt der angefressen Wildheuer Wolfgang Köhler aus Wolterdingen Sommerwochen auf Hochalmen im Etschtal. Währen der Heuet unterstützt er selbstlos die Älpler beim Mähen der Steillagen. Und das von Hand mit einem ganzen Sortiment von liebevoll gepflegten Sensen. Wildheuen nennt man diese traditionsreiche, mühsame Art das artenreiche, kräuterhaltige Futter einzubringen. Unglaubliche 19 ha wurden mit seiner beharrlichen Mähtechnik eingetragen, nicht eingefahren, denn an so Steilhängen ist nix mit Heu einfahren. Was er zwischenzeitlich über Sensenstahl, Sensenschliff, Dengeln, Wetzsteine und den hemmenden Kieselerdebelag auf seinen dengel- gehärteten Sensen von den Älplern gelernt hat und nun genau weiss, das ist schon beeindruckend. Weil er aber auch unsere alte, historische Bregtalbahn Holzklassebank mit Leinöl fachgerecht restauriert hat, kam das Gespräch auf seine Mähleidenschaft. Was lag da näher als die benötigten Heuballen für die Ökoklasse an der Dammarena Mitte September tatsächlich in rein Öko zu beschaffen. Handgemäht vom „Schwarzwoid Wolferl“ mit seiner „Sägis“, die bereits ab 5.30 Uhr durch das taufeuchte Gras zischt.
Damit nicht genug: Gezettelt wird auch von Hand und auch mit dem wildheuschonenden 80 jährigen schweizer „Gäbelizettler“, Kultmarke „Äbi“. Fünf Gäbeli werfen das handgemähte Heu zum Luftrocknen in die heuduftschwangere Baar- Luft. Mehr Öko geht nicht. Und wie sich’s für Ökomehrweg gehört, werden die Ballen, nachdem sie wohligen Sitzgenuss verschafft haben, nach den Freilichtspielen den Landwirten angeboten. Möchte man da nicht ganz gerne Kuh sein? Vielleicht erzählen dann einmal die Ballen in den sagenumwobenen Rauhnächten den Kühen von den abgelauschten, unterhaltsamen, uralten Wolterdinger Geschichten, die bei den Freilichtspielen an der Dammarena im September erzählt und aufgeführt werden?
Ein spiritueller, alter, traditioneller Wolterdinger Sinnspruch über den Wolterdinger Schutzpatron heisst übrigens: „Zu St. Kilian rücken die Mäher an“
Hubert Mauz, Unteres Bregtal, Juni 2025
Verstummte Töne und Geräusche
Der wortgewaltige Erzähler Roger Willemsen sagt er erinnere sich an Städte, Länder, Landschaften oder Erlebnisse fast nur anhand von Geräuschen. An Rom durch das ständige Surren der hochtourigen Motorinos. An Isafjördur im hohen Westisland wegen des schlagen und klacken eines sturmgepeitschten Fahnenmastseiles vor dem Hotelfenster. Weil auch mich das einmal genauso um den Mittsommerhellen Schlaf gebracht hat, ergeht es mir seit Willemsen Hinweis genauso. Hamburgs Dampfertuten, Münchens Glockenspiel, Lissabons Tramgebimmel, Vierwaldstätter See Raddampfer Geplantschte, Pfferdehufestakkado beim Palio, das Rauschen am Regensburger Schwall, das Sturmgeheul auf der Glarner Fridolinshütte und die unvergessenen Eschinger Töne und Melodien wie d Siedebuddi und abdampfende Lokomotiven.
Und plötzlich, unverhofft und unerwartet ertönt erneut ein wahrhaft schneidendes Geräusch. Im allerwörtlichsten Sinn. Nur noch ganz wage erinnert man sich an dieses zischen aus Kindheitstagen. Auch damals schon selten, denn der Messerbalken am 13 PS Kramerbulldöggle mit seinem metallischen rattern und kreischen hat sich damals schon durchgesezt. Vor dieser stählernen Messerbalkenzeit mähen sich die Mäder aus dem Unterland virtuos in grossen, fröhlichen Gruppen vom Schwarzwald in die Baar. Und sie brachten nebenbei die neuesten, meist deftigen Geschichten mit und belebten die Zagat-Abende am Hofbrunnen. Auch heirateten sie sich durch diese geselligen Abende in die Baar ein oder aus ihr heraus. Denn manche Magd oder Hoftochter wurde nebenbei durch diesen Heiratsmarkt der Wandermäder an den Kaiserstuhl entführt. Die Bauern, Knechte und Mägde nahmen die nicht mehr gut gepflegten und gedengelten Sensen, d Sägis, nur noch zum Ausmähen um Ecken, Bäume und Halden in die Hand. Da, wo sie mit dem klappernden, unkommoden Messerbalken nicht hinkamen.
Und urplötzlich ist es wieder da, das sanfte, rytmische Zischen in einem gleichmäßigen Tackt. Wie mit einem Metronom vorgegeben. Nur alle 2-3 Minuten unterbrochen von einem Wetzgeräusch. Auch das in einem klaren Polkatackt, linksrechts, linksrechts. Beendet mit einem klapper Klaks, wenn der Wetzstein wieder in den Kuhhorn Köcher fällt.
Wieder erlebt wurde das, als Wolfgang Köhler sich anbot, die Obsbaumwiese dieses Jahr von Hand zu mähen. Denn er hilft jedes Jahr drei Wochen lang einer Südtiroler Bergbauernfamilie Wildheue zu machen. An Steilhängen wird beharrlich von Hand mit hingebungsvoll gepflegten, kenntisreich gedengelten Sensen das Almkräutergras gemäht. Nachdem dieses gehaltvolle Wildheu dann in die Almhütten eingetragen ist, kehrt der „Schwarzwoid Wolferl“, wie ihn die Bergbauernfamilie anerkennend nennt, mit seinem Wissen und seiner Erfahrung zurück auf die Baar. Und dort lässt er seine Rasierklingen scharfen, perfekt gedengelten und gewetzten Sensensortimente durch das borstige Obsbaumwiesengras zischen. Es gibt sie also doch noch, die guten, hilfsbereiten Seelen und diese Zischtöne aus längst vergessengeglaubten, vergangenen Mädertagen.
©Hubert Mauz, Unteres Bregtal im Juli 2025©